Ich weiß, dass ältere Menschen dazu neigen, ihre Vergangenheit zu glorifizieren. Und da ich auf das magische 42te Jahr zugehe, in dem ich hoffe, die Antwort auf alle Fragen zu finden, muss ich diese Neigung auch an mir konstatieren. Sei es drum, ich werde hier trotzdem eine Geschichte so ausbreiten, wie sie sich mir darstellt, auch wenn mancher mich des Jammerossitums zeiht. Es war einmal…

Seit vielen Jahren bewege ich mich im Rahmen dessen, was man im weitläufigen Sinne als den musikalischen Teil der „Independent Szene“ bezeichnen kann. Das heißt ich besuche seit etwas über zwanzig Jahren Konzerte von kleinen und großen Bands, die mir gefallen, besuche Diskos, wo deren Musik läuft, höre nahezu ständig Musik, lese entsprechende Zeitschriften und -blogs und kaufe selbstverständlich auch Tonträger.
Darüber hinaus beschäftige ich mich trotz geringfügiger tonsetzerischer Vorbildung selbst intensiv mit der Musik, rezensiere Tonträger, verfasse Konzertberichte oder interviewe Künstler, die mich interessieren. Nicht zuletzt organisiere ich mittlerweile unter dem zugegebenermaßen skurrilen Namen club|debil Konzerte und andere musikzentrierte Veranstaltungen im Rahmen meiner Möglichkeiten und mit der Hilfe vieler guter Freunde. Früher war ich unter anderem in einem Studentenclub, beim Bürgerfunk mit einer Musiksendung und auf allerhand anderen Kanälen aktiv.

Viele Veränderungen der letzten Jahre lassen mich vermuten, dass die Epoche der musikalischen Independent Kultur, so wie ich sie kennengelernt habe, zu Ende geht. Aus meiner Sicht wäre dies ein kaum genügend zu betrauernder Verlust. Zwei Gründe führen zu meinem Glauben an einen „Independent show down“, und diese haben mit den materiellen und ideellen Fundamenten dieser Musikkultur zu tun.

My House, Our House

Widmen wir uns zuerst dem unmittelbaren Teil des Geschehens, der Aufführung einer musikalischen Darbietung und ihrer räumlichen und personellen Voraussetzungen. Prinzipiell kann als Raum für diesen Zweck alles dienen, von der heimischen Stube über die Wiese hinterm Haus bis hin zur Nobeldisko oder dem Stadion. Mit der Location ist stets auch ein „Betreiber“ verbunden, der wahlweise „nur“ den Raum sowie Equipment zur Verfügung stellt oder die Location darüber hinaus selbst bespielt, soll heißen sich um das Programm und die Abwicklung kümmert. Manchmal gehört die Location dem Betreiber selbst, andere mieten, pachten oder nutzen sie. Gelegentlich sind hier auch zusätzliche Dienstleister für Technik, Werbung, Reinigung etc. involviert.
Im Rahmen der Independent-Musik, wie ich sie verstehe und immer noch erlebe, werden vorrangig private Locations (s. Wiese hinter der Scheune oder Partykeller) bespielt, die Räume kleiner und mittlerer Vereine, Kneipen, kleine Clubs, Sandgruben und Felder oder auch schon mal größere Hallen mit kommerzieller Organisation. Ob Dorfgasthof, Festival auf dem platten Land, Studentenclub, Alternatives Jugendzentrum, „Art Spaces“ jeder Art bis zu den großen Konzerthallen der Profis: Ich war dort und habe viele gute und auch manche enttäuschende Konzerte erlebt.

Hinsichtlich dieses Spektrums an Auftrittsorten schätze ich die Situation als „suboptimal“ ein, die Tendenz als stark negativ. Das bedeutet, dass die materiellen Rahmenbedingungen alles andere als gut sind und sich weiter verschlechtern. Ursachen dafür gibt es viele, die wissenschaftliche Analyse und Bewertung des Ist-Zustandes überlasse ich gern den Experten, für mich stellt sie sich so dar: Ein wichtiger Teil dieser Musikszene kommerzialisiert sich zunehmend, so dass auch bereits etablierte Künstler es immer schwerer haben, Auftritte zu bekommen. Denn die Musik-Unternehmer brauchen ökonomische Sicherheit, um auf Dauer am Markt zu bleiben. Neue Bands und solche, die sich abseits vom musikalischen Mainstream bewegen, haben es da naturgemäß schwerer, einen Auftrittsort zu finden, denn ihr Publikum ist meist von geringer Zahl. Der Betreiber einer Location hat hierbei die Wahl, ob er seinen Raum und zusätzliche Dienstleistungen gegen eine feste oder variable Miete bereitstellt oder selbst als Veranstalter aktiv wird. Im letzteren Fall trägt er das Risiko vollständig, muss bei Erfolg den Gewinn aber nicht teilen. Je nach Größe und Risikobereitschaft ist für den ersten das Limit bei einem Verlust von 1.000 ausgeschöpft, für den zweiten bei 10.000 für den Dritten bei 100.000 Euro. Häufen sich die Verluste, wird das Risiko selbstverständlich minimiert, was bedeutet, dass unsichere Projekte eingestellt werden und der Musik-Unternehmer auf die Veranstaltungen setzt, die ihm lukrativ und sicher erscheinen. Das führt logischerweise zu einer stärkeren Annäherung an den Mainstream, denn Geld wird mit den Künstlern verdient, die Tausende mobilisieren und nicht mit denen, die vor hundert oder wenig mehr Zuschauern spielen.

Money Changes Everything

Für die Betreiber kleiner Clubs und von Kneipen, die ihren Gästen mehr bieten wollen, als nur Bier und Bockwurst, stellt sich die Situation ähnlich dar, wenn sie keinerlei Förderung erhalten. Sie müssen Künstler, Miete, Personal, Technik und was noch so alles gebraucht wird, um ein kulturelles Ereignis zu verwirklichen, bezahlen; sich an jede noch so absurde Vorschrift halten und sich mit so hilfreichen Organisationen wie der GEMA herumplagen. Auch hier gilt: Ohne „Kommerzialisierung“ im Sinne von Anpassung an den Mainstream gehen sie auf Dauer unter, oder müssen sich zum Beispiel durch Transformation in eine andere kulturelle Spielart dem Druck entziehen. Viele Aktive geben ihre Location irgendwann einmal auf und aus dem Raum werden (andere) Bars, Kneipen, Privatwohnungen oder was der Immobilienmarkt und das Bedürfnis des Publikums auch immer erfordert. Ein Vorteil der kleinen Clubs und engagierter Wirte besteht darin, dass die Aktiven selbst viel Herzblut einbringen und das Projekt im Rahmen rücksichtsloser Selbstausbeutung auch in „dürren“ Zeiten am Leben erhalten. Hier hat bis jetzt stets viel Erhaltenswertes überlebt.

Eine ähnliche wirtschaftliche Situation bietet sich vielen kleinen Vereine und Initiativen, die ohne Förderung auskommen müssen. Steht ihnen eine Location zur Verfügung, müssen sie sie erhalten, andernfalls erhöhen die Mietkosten das ökonomische Risiko einer Veranstaltung. Erschwert wird die Betätigung, durch persönliche Meinungsdifferenzen innerhalb des Kreises an Involvierten. Ein Musik-Unternehmer kann für seine Location autonom entscheiden, auch auf die Gefahr hin, dass ihn andere dafür kritisieren. In einem Verein oder wie auch immer gearteten Gemeinschaftsprojekt muss möglichst demokratisch darüber entschieden werden, welche Schritte dem Zweck der Unternehmung – hier ein rein ideeller – dienlich sind. Da sind Konflikte vorprogrammiert und nicht jede Gemeinschaft übersteht die aus diesen Konflikten entstehende Reibung.

Should I Stay Or Should I Go?

Das „Gemeinschaftsproblem“ haben auch die Alternativen Zentren oder kleinen Kunstvereine mit eigenen Veranstaltungsräumen, die fast vollständig am Tropf der staatlichen oder kommunalen Förderung (ich lass mal das kirchennahe weg, denn davon habe ich wahrlich keine Ahnung) hängen oder sich ausschließlich aus Projektgeldern finanzieren. Letztere fließen zwar im Glücksfall reichlich, werden aber vielleicht irgendwann gestrichen, weil der Geldgeber der Meinung ist, es wäre jetzt an der Zeit, ein anderes Projekt damit zu fördern, Zahlungen zu kürzen oder einzustellen. Diese Einrichtungen sind dadurch gezwungen, eine Balance zwischen Angebot und Nachfrage, Anspruch und Publikumsinteresse zu finden. Anders als unabhängige Musik-Veranstalter müssen die Kulturzentren und Vereine dabei die „politische Großwetterlage“ im Auge behalten und „brav“ sein. Das Stichwort „Anwohnerklagen“ soll hier nur ein Horrorszenario schlaglichthaft beleuchten. Selbst das Projekt, das von Politik und Bürgern geschätzt und als Bereicherung empfunden wird, hat auf Dauer keine Chance, wenn es auch nur einen Menschen gibt, der die Mittel und die Ausdauer hat, unter strenger Auslegung von Gesetzestexten sein Grab zu schaufeln. Dieses Damoklesschwert über dem Kopf hängend, entscheiden sich viele dieser Kulturzentren und Vereine dafür, „brav“ zu sein und verlieren so an Relevanz, die sie haben könnten, de facto befreit von finanziellen Zwängen. Andere definieren sich im bewussten Widerstand zur herrschenden Politik und ziehen ihre Legitimation daraus, „Stachel im Fleisch“ zu sein. Ohne einflussreiche Unterstützung ist solch ein Weg auf lange Strecke selbstverständlich nicht gangbar. Häufig kommt es hier zu einer aus meiner Sicht schädlichen Verengung des Spektrums politischer Ansichten und damit einhergehend der kulturellen Aktivitäten. Nicht selten bilden sich hier regelrechte „Paralleluniversen“, wobei die Locations durchaus als temporäre „Spielwiese“ gerade für junge Menschen akzeptiert oder aber die Aktiven vehement bekämpft werden, was zu einer weiteren Isolation führt.

Bei ihren „musikalischen“ Aktivitäten haben die Kulturzentren und Vereine, die häufig in Wohngebieten anzutreffen sind, mit einem naturgegebenen Problem zu kämpfen, dem „Lärm“. Oder wie Wilhelm Busch beliebte, es auszudrücken: „Musik wird als störend oft empfunden, weil sie mit Geräusch verbunden.“ Aber nicht nur durch Musik, auch wenn Menschen sich treffen, wenn sie sich unterhalten, lachen oder sich streiten, entsteht immer ein Geräusch. Ein gutes Verhältnis zu den Anwohnern ist da wichtigste Voraussetzung für erfolgreiches Arbeiten, viele Kompromisse werden so auch im „good will“ geschlossen. Nicht verwunderlich ist also, dass die „extremen“ Formen der Musik gemieden werden und stattdessen eine gewisse Beliebigkeit Einzug hält, gemäß dem Motto „Hauptsache es stört nicht“. Neben geistiger Herausforderung schätze ich an Musik vor allem ihre Körperlichkeit, die es mir erlaubt, aus mir herauszutreten und unreflektiert zu tun, wonach mir gerade ist und solange wie ich will. Ich vermute mal, dass es vielen anderen Menschen ebenso geht. Für solche Neigungen ist in diesem Rahmen wenig Platz, schließlich wollen die meisten Nachbarn solch eines Vereinsgebäudes oder Kulturzentrums Sonntag morgens um drei keine wummernde Bässe, sägenden Gitarren oder eine Wall Of Noise hören. Wer will es ihnen verdenken?

You Never Become A Dancer

Fassen wir das Gesagt also noch einmal zusammen: Die materiellen Bedingungen sorgen in Summe dafür, dass aus einem Teil der Independent-Szene Mainstream wird, denn das ist einfacher, häufig stressreduzierend und risikoärmer. Der andere Teil geht im Kampf um seine Autonomie zugrunde oder sucht sich eine möglichst störungsfreie Nische zum Existieren.

Ich hoffe, ich habe mit meinen Ausführungen ein einigermaßen korrektes und schlüssiges Bild gezeichnet, wie sich mir die „Independent Musik-Szene“ darstellt. Was ich noch nicht getan habe, ist den Begriff der„Independent Musik-Szene“ zu definieren. Eine Definition ist vielleicht ein wenig viel verlangt, ich will es aber mit einer Erklärung versuchen. Grenzen anhand von Verkaufszahlen oder Konzertbesuchern zu ziehen, halte ich nicht für sinnvoll. Für mich ist alles „independent“, was unabhängig von Marktzwängen und politischen Vorgaben existiert und zudem inhaltlich einen gewissen Anspruch verfolgt. So schön die Party mit den Kumpels zu den „besten Hits der 80er, 90er, 2000er und von heute“ auch sein mag, so wenig empfinde ich sie als Teil der Independent Kultur. So interessant der Sound auch sein mag, so wenig ist die Band die ihr Stück an den erstbesten Autoproduzenten oder Burger-Brater verkauft noch unabhängig.

Diese Kultur hat für mich vor allem mit Selbstermächtigung zu tun, mit dem Willen des Einzelnen oder der Gruppe, sich im musikalischer Rahmen zu den eigenen Gedanken und Gefühlen zu äußern, gerade wenn diese vom Mainstream abweichen. Independent Kultur braucht Menschen, die sich von dieser Musik begeistern lassen und sie ohne Rücksicht auf finanzielle Verluste aber auch Anfeindungen oder Behinderungen verbreiten und bekannt machen, all die Label- und Locationbetreiber, Veranstalter, Musikrezensenten und nicht zuletzt „Fans“, für die die Musik in erster Linie ein wichtiger Teil ihres Lebens ist und kein Geschäft.

Womit wir beim Übergang zum noch zu schreibenden zweiten Teil „Music & Mindsetting“ wären, der meine These hinsichtlich Zielen von Musikern und Erwartungen des Publikums untermauern soll, denn hier vollzieht sich aktuell im Zuge der Digitalisierung wieder einmal ein Wandel, der das Musikbusiness an sich und damit auch die unabhängigen Anbieter vor neue Herausforderungen stellt, die aus meiner Sicht ebenfalls eher negativ zu bewerten sind. Hinzu kommt eine ebenfalls zu beobachtende individuell betriebene Abschottung gegen Neues, Ungewohntes, Fremdartiges, die wohl der zunehmend komplexer und anstrengender werdenden Umwelt geschuldet ist…