Kommentar zum Massaker in Newtown

Vorwort: Jeder der das hier liest, sollte trennen können, zwischen dem schlimmen Massaker in Newtown, das 28 Menschen das Leben kostete und der darauffolgenden Reaktion, die ich im Folgenden kritisieren werde. Der Vorfall an sich ist traurig und mein Mitleid gilt den Angehörigen der Opfer. Ebenso bedauernswert ist aber auch der Täter, der wohl seine Wahnsinnstat für notwendig erachtete, um sich an seiner Umgebung zu rächen. Man fragt sich, was diesen gerade Mal Zwanzigjährigen dazu getrieben hat, so viele Menschen zu töten. Schwer nachvollziehbar aber darum soll es hier nicht gehen, da es zudem kaum möglich ist, aus der Ferne eine Diagnose abzugeben.

Anlass dieses Kommentars sind die Reaktionen, all die Beileidsbotschaften, die von einer ungeheuerlichen Tat sprechen und wie unerwartet die gekommen sei. Ehrlich gesagt, kann nur noch jemand, der das Problem nicht sehen will, behaupten, dass Massaker wie das in Newtown wie ein Blitz aus heiterem Himmel kommen. Die Häufung dieser Vorfälle in den letzten Jahren ist kaum zu übersehen. Aus meiner Sicht sind verschiedene Faktoren dafür verantwortlich, die in ihrer Kombination zu solch explosiven Ergebnissen führen.

Zum einen waren alle School-Shooter und sicher auch viele andere Amokläufer, so sie denn nicht eindeutig durch Kriegstraumata geschädigt waren, Einzelgänger, Ausgestoßene. Man denke z.B. an die sogenannte Trenchcoat-Mafia von Littleton, alles Schüler, die als Sonderlinge galten. Sie wurden von ihren Mitschülern häufig „gemobbt“, wie man heute in Neudeutsch sagt oder schikaniert. Das solche Menschen extrem wütend werden, wenn sie denn nicht in Depression verfallen, wen wundert’s? Nicht zuvergessen, der Druck, der auf den Kindern und Jugendlichen lastet, nicht zu versagen und der immer stärker wird.

Typisch für die School-Shooting ist auch, wie der Name schon sagt, der exzessive Gebrauch von Schusswaffen. Mit einem Küchenmesser kann man beim besten Willen nicht mehr als eine Person nach der anderen ermorden, man muss ihr sehr nahe kommen und macht sich dabei die Hände schmutzig. Mit Schusswaffen ist das alles viel einfacher. Feuer. Durchladen. Feuer. Durchladen…
Bei der unglaublichen Verfügbarkeit von Waffen in den USA ist es eigentlich schon fast ein Wunder, dass nicht mehr passiert. Einen vorderen Paltz in der Mordstatistik belegen die Vereinigten Staaten aber auch jetzt schon.

Auch wenn es die Spielfreaks nicht gern hören: Die Killer Spiele haben aus meiner Sicht ebenfalls einen Anteil an dem Desaster. Denn sie sind Übungsplattformen für die Amokläufe. Wie dies Spezialeinheiten der kämpfenden Truppen auch tun, werden Handlungsabläufe eingeübt. Während der Tat läuft dann ein Film ab, so dass keine Zeit bleibt, über das Elend, das man da anrichtet, nachzudenken. Bekanntermaßen werden Spiele wie Counterstrike auch von der US-Army genutzt, um Soldaten auf den Nahkampf vorzubereiten und sie hinsichtlich ihrer Reaktionsgeschwindigkeit zu „optimieren“. Nicht zu vergessen, der Einsatz zur Rekrutierung neuen „Menschenmaterials“.

Ein Faktor, der bei der ganzen Diskussion über die Amokläufe gern vergessen wird, sind die Drogen. Damit meine ich nicht Cannabis und Co. sondern eine Substanz namens Methylphenidat, die in den USA unter dem Handelsnamen Ritalin bekannt ist. Seit Jahren wird das Medikament, dessen Wirkstoff hierzulande unters Betäubungsmittelgesetz fällt, massiv an Kinder und Jugendliche zur Behandlung von Aufmerksamkeitsdefizitstörungen bzw. ADS gegeben. Als Nebenwirkungen sind u.a. Nervosität und Schlaflosigkeit, Angstgefühle, depressive Verstimmungen, Reizbarkeit und emotionale Labilität bekannt, andere Quellen sprechen von paranoide Psychosen und Wahnvorstellungen, nicht zu vergessen ein Hang zum Selbstmord. Ritalin gilt insbesondere in den USA als Modedroge zur Leistungssteigerung, die u.a. von Studenten eingesetzt wird.

Nachdem wir die einzelnen Zutaten des Cocktails kennen, brauchen wir eigentlich nur noch den Brandbeschleuniger und der besteht in einer extrem gewaltaffinen Kultur. Das beginnt bei den Filmen und Computerspielen und geht bis hin zur großen Politik, in der man Stärke demonstrieren, sich Dank seiner militärischen Potenz durchsetzen muss. Wer in solch einem Klima aufwächst – und auch wir sind hierzulande wieder auf dem besten Wege dahin – für den gilt Gewalt als das Mittel zur Konfliktlösung schlechthin. Alternativen werden nicht in Betracht gezogen. Solange sich an dieser Gemengelage nichts ändert, werden auch die School Shootings nicht aufhören. Beten wird da nicht helfen…

Kommen wir also zum Ergebnis unserer Massaker-Mathematik und fassen das gesagt in die hübsch-handliche Formel

(Ausschluss + Waffen + Ritalin + Killerspiele) ^gewalttätige Kultur = X

Offensichtlich gibt es einen Grenzwert für X, bei dessen Überschreitung es kracht. Wie soeben wieder in Newtown geschehen. Sicher, das Problem ist sehr vereinfacht dargestellt. Doch ich bin auch kein Wissenschaftler und wenn selbst ich da drauf komme, sollten die Fachleute schon längst soweit sein. Aber da müsste man sich u.a. mit der Waffen- und der Pharmalobby anlegen und das ist tatsächlich ein bisschen viel verlangt. Auch sollte man daran arbeiten, dass sich die Gesellschaft nicht immer weiter entsolidarisiert und nicht schon junge Menschen zu der Überzeugung kommen, dass sie den Anschluss verloren haben und es eh zu nichts mehr in diesem Leben bringen. Das wäre zumindest mal ein Anfang…

Nachtrag:
Was mich neben der Pseudobetroffenheit mindestens genauso ankotzt, wie die angebliche Überraschung, ist das Gejammere um die armen Amerikaner, die es da getroffen hat. Jeden Tag sterben weltweit hunderte Menschen in Konflikten, gern auch umgebracht mit deutschen Waffen. Die leben allerdings nicht in der westlichen, in der „zivilisierten“ Welt, weshalb sie unseren Politikern kein Wort wert sind. Das macht mich echt wütend, zum Glück habe ich keinen Zugang zu Waffen…

PS: Es geht mir hier nicht darum, den Einzelfall zu bewerten (wie sollte ich das auch können?), sondern darum, bestimmte Entwicklungen aufzuzeigen, die als Faktoren diese Art von „Ausraster“ begünstigen. Und da liege ich, denke ich, nicht allzu falsch: Erhöhter Leistungs- und Anpassungsdruck schon im Kindesalter, die sehr zeitig zu Versagensängsten führen und andererseits für ein Klima sorgen, in dem Außenseiter zusätzlich ins Abseits gedrängt werden, die „Selbstverständlichkeit“ von Gewalt als Mittel zur Problemlösung, die Verfügbarkeit von Waffen und der massive Einsatz einer Droge, die Stimmung und Gehirnaktivitäten von in der Entwicklung befindlichen jungen Menschen massiv beeinflusst. Das ist einfach eine explosive Mischung, bei der es immer wieder knallen wird…