(PM riesa efau, Dresden)

Vernissage, Mi 23.03.2010, 20 Uhr Motorenhalle
Wachsbleichstraße 4a | Dresden

Ausstellung:
23.03.2010 – 30.04.2010
Öffnungszeiten | Di-Fr 16-20 Uhr, Sa 14-18 Uhr
Führung: sa 26.03./ 09.04. / 16.04. / 30.04. 16 Uhr / Eintritt frei
Kunstgespräch: 06.04. 20 Uhr / Eintritt frei
Film: 20.04. 20 Uhr / Eintritt frei

„Their crisis – our jobs“ steht in fetten Lettern auf einem Plakat, das gegen Arbeitslosigkeit und für echte Arbeitsplätze wirbt. Doch dieses Plakat stammt nicht etwa von heute, sondern ist mehr als dreißig Jahre alt, als schon einmal eine einschneidende soziale Eruption die britische Gesellschaft erschütterte, an deren Ende Margaret Thatcher und die Geburt des Neoliberalismus standen. Wie aktuell manche Themen heute wieder oder noch immer sind, zeigt die Ausstellung „Goodbye London“ in einer vielschichtigen Präsentation zu Politik, Alltag und Kunst, die das Lebensgefühl in einer tief greifenden Krise widerspiegelt.
Düstere Fotografien von John Savage oder Homer Sykes zeigen ganze Londoner Stadtteile, die durch spekulativen Leerstand zugrunde gingen, aber auch alle Formen des wachsenden Protests, der in seiner konstruktiven Form neuen Zusammenhalt erzeugte. Neben der Hausbesetzerszene thematisiert die Ausstellung die feministische und die Schwulenbewegung, den Arbeitskampf in den Fabriken und die Solidarität mit den internationalen Befreiungskämpfen. Vor dem Hintergrund des wirtschaftlichen Niedergangs des Landes entwickelte sich in der Hauptstadt eine vitale Kunstszene, die die leer stehenden Fabriken und Warenhäuser kreativ nutzte. Am Tolmers Square etablierte sich die Druckerei eines Poster-Kollektivs, in der Aktionsgruppen ihre Plakate für die politische Arbeit drucken lassen konnten. Künstler wie Peter Kennard, die sich auf die Bildästhetik von John Heartfield bezogen, reagierten mit Collagen und Fotos unmittelbar auf die internationale Tagespolitik. Margaret Harrison formulierte, wie auch Jo Spence mit dem Hackney Flashers Women’s Photography Collective, feministische Positionen. Der Video-Künstler David Hall sezierte die Militanz der Medien, Victor Burgin nutzte Werbeästhetik, um die weitreichenden Folgen ungerechter Besitzverhältnisse zu analysieren.
Derek Jarman zeigt in seinem Film „Jubilee des Geist des No Future“ und das kritische Potential des Punk als Reaktion auf eine intolerante Regierungspolitik. Auch die Performances von Stuart Brisley verkörperten ein ästhetisches Gegenprogramm in jener Zeit. In ihnen setzt sich der Künstler existentiellen Grenzerfahrungen wie beispielsweise tagelanger völliger Isolation aus. Die Ausstellung veranschaulicht das Potential, das aus einer Krise erwachsen kann, beleuchtet die Möglichkeiten und Grenzen der Radikalisierung und macht mit den gezeigten künstlerischen Positionen auf eine politisch engagierte Kunstszene in London aufmerksam, die zumindest in Deutschland bis heute weitgehend unbekannt geblieben ist.

Die Ausstellung wurde von der Projektgruppe der NGBK kuratiert: Boris von Brauchitsch, Peter Cross, Astrid Proll, Jule Reuter und Thomas Röske.
Die Ausstellung und die Publikation „Goodbye London“ basieren auf einem Projekt der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst, Berlin 2010.

Die Ausstellung „Goodbye London“ bildet den Auftakt des Kulturprojektes 2011 „Folge der Generationen“ im riesa efau. Im Jahr 2011 werden gelebte und gedachte Ideen der gesellschaftlichen Beziehungen von ICH und WIR vergangener und heutiger Generationen dargestellt, diskutiert und für mögliche zukünftige Visionen befragt. FOLGEN DER GENERATIONEN präsentieren sich in Ausstellungen, Workshops und Veranstaltungen. Die ersten Ausstellungsprojekte – Goodbye London und Pieces de resistance – setzen zwei ideell geschiedene Widerstandskulturen des ehemaligen West- und Ostblocks beispielhaft in Beziehung. Zeitlich liegt das jeweilige Aufbegehren gegenüber tradierten Normativen fast 40 Jahre auseinander, verbunden durch den Wanderer zwischen Welten und Zeiten Dalibor Martinis. Ab Herbst wird in einem selbst generationell wachsenden Projekt das Thema fortgesetzt. Die Motorenhalle verbindet sich exemplarisch mit drei weiteren Orten: das rein private Haus Boden, die öffentliche scheune sowie das in seiner Geschichte zeitweise private und zweitweise öffentliche Mehrgenerationenhaus Dresden-Friedrichstadt / riesa efau.